In meinem Haus fühlen sich Spinnen sehr wohl. Mir fällt das besonders auf, wenn Kinder zu Besuch sind. Sie sagen dann meistens: „Iiiih, da sind ja überall Spinnen.“ Nicht nur für Kinder, auch für viele erwachsene Menschen sind die lautlos und schnell krabbelnden Lebewesen mit den spitzen Beinen ein Horrorfaktor.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass wir uns vor Spinnen gruseln, weil wir uns als Steinzeitmenschen in unseren Wohnhöhlen vor den kriechenden Insekten in Acht nehmen mussten. Wenn uns eine giftige Spinne biss, konnte das lebensbedrohlich für uns sein. Dieses alte menschliche Warnsystem stecke auch heute noch tief in unserer Genetik, was erklären könnte, weshalb Spinnen bei vielen Menschen Ekel auslösen. Eventuell liegt es aber auch nur an ihrem etwas gruseligen Aussehen.

Dabei sind die meisten Spinnen vollkommen harmlos. In Ländern mit warmem Klima gibt es häufiger als bei uns auch ein paar giftige Spinnenarten. Nur wenige von ihnen verfügen über ein Gift, das für Menschen lebensgefährlich werden kann: die in Australien lebende Sydney-Trichternetzspinne ist ein seltenes Beispiel. Im schlimmsten Fall kann ihr Biss, wenn ein Mensch nicht rechtzeitig medizinisch behandelt wird und ein Gegengift verabreicht bekommt, schon nach nur 15 Minuten tödlich wirken.

In Deutschland leben kaum giftige Spinnen. Die einzigen bekannten Arten sind der Dornfinger, die Nosferatu-Spinne und die Kreuzspinne. Sie sind nicht wirklich gefährlich für uns Menschen, außer vielleicht für solche, deren Körper allergisch auf Spinnengift reagieren. Während ein Biss einer der erstgenannten beiden Arten schmerzhaft brennen kann, vergleichbar mit einem Wespenstich, ist der Biss einer Kreuzspinne harmloser. Er juckt und brennt in den meisten Fällen nur leicht.

Dass so viele Spinnen bei mir wohnen, läge an dem guten Raumklima, sagte mir einmal ein Handwerker, also dem Verhältnis zwischen Luftfeuchtigkeit und Wärme in den Räumen. Anders als wir besitzen Spinnen keine Knochen. Sie haben ein Außenskelett, eine Art Panzer aus Zuckerbausteinen, der ihre Organe im Inneren zusammenhält. Bis Spinnen ihre endgültige Körpergröße erreichen, müssen sie dieses Hautskelett mehrmals erneuern. Es wächst nämlich nicht von alleine mit. Während einer Häutung sind die Tiere ohne feste Körperhülle gefährdet zu vertrocknen. Darum suchen sie gerne luftfeuchte Umgebungen in Bädern oder Kellern und dunklen, alten Gemäuern auf.

Die bestimmt mehr als zwanzig Großen Zitterspinnen in den verschiedenen Ecken meines Zuhauses jedenfalls betrachte ich als sehr willkommene, denn Mücken und Fliegen verdauende Mitbewohner. Mein Haus liegt an einem See neben einer Kuhweide. Du kannst dir also vorstellen, dass es hier vor fliegenden Insekten nur so wimmelt. Ein wahres Spinnenparadies.

Große Zitterspinne mit eingesponnener Beute an einer weißen Wand
Eine Große Zitterspinne webt ihre Beute ein und legt sich so einen Futtervorrat an — Foto: PhJ, CC BY-SA 3.0

Auch Hauswinkel- und Schwarzspinnen leben in und an meinem Haus. Ich weiß nicht genau, wie viele von ihnen, da sie nachtaktiv sind. Ich sehe sie, wenn, nur kurz, bevor sie vor mir flüchtend in eine dunkle Spalte huschen. Häufiger als ich sie sehe, finde ich ihren Spinnenschiss. Die großen weiß und braun verlaufenden Tropfen an den Wänden oder auf den Holzdielen stammen vermutlich von älteren Hauswinkelspinnen. Diese Weibchen können bis zu sechs Jahre alt und ihre Beine zehn Zentimeter lang werden.

Ich verspüre keine wilde Angst vor ihnen. Eine faszinierende südamerikanische Vogelspinne namens Cosima löschte sie bei mir vor vielen Jahren, während sie unter Aufsicht einer abgeklärten Spinnenbetreuerin auf meiner Hand saß. Das war eine zufällige Spinnenkonfrontationstherapie mit großem Effekt, den ich erst im Nachhinein bemerkte. Seither begegne ich Arachniden, wie Spinnentiere wissenschaftlich genannt werden, ohne Herzklopfen. Die gemächlicher wirkenden, überwiegend in ihrer privaten Ecke verharrenden Zitterspinnen empfinde ich trotzdem als angenehmere Mitbewohner als die großen, umherwandernden Hauswinkelspinnenfrauen.

Große Hauswinkelspinne auf einem Holzbrett
Die Große Hauswinkelspinne — Foto: Matthis Volquardsen

Zum Glück leben die meisten Individuen der dunklen, großen Spinne nicht im Haus, sondern an den Außenwänden, genauer gesagt in den Fugenlöchern zwischen den Ziegelsteinen. Man kann sie an ihren Trichternetzen über den Eingängen ihrer Nester gut erkennen. Mauerspalten sind ein faszinierendes Wohnheim nicht nur für große, harmlose Spinnen, sondern auch für viele andere Insektenarten. Pelzbienen, Mauerbienen, Tau- und Stubenfliegen, sogar Grabwespen wohnen in den kleinen Löchern und Ritzen zwischen den alten Ziegeln.

Gehörnte Mauerbiene in einem Insektenhotel aus Schilfröhrchen
Gehörnte Mauerbiene schlüpft in ein Insektenhotel, das Menschen für sie und andere Krabbeltiere aufgestellt haben — Foto: Joep Bijold

Direkt vor solchen Schlupflöchern schlagen Kreuzspinnen ihre Netze zwischen den Ästen der Holundersträucher auf. Die Mauerbewohner fliegen ihnen so fast direkt ins Maul bzw. in ihre Cheliceren. So nennt man die Kieferklauen am Maul der Spinnen. In den Holzbalken im Stall und der Garage bauen in jedem Frühjahr Wespen und Hornissen ihre Nester.

Für die vielen selten gewordenen Insektenarten sind alte Gebäude wie mein Haus zur wichtigen Nische geworden. Als Ersatzbiotope bieten sie den Tieren ein Zuhause. Durch eine zunehmend industrialisierte, die Natur umformende Landwirtschaft gehen ihre natürlichen Lebensräume in den Böden, den Stämmen alter Bäume und in herumliegendem Totholz zunehmend verloren.

Alte Ziegelmauer mit Fugen
Alte Gemäuer aus weichen Baumaterialien bieten vielen Insekten Unterschlupfmöglichkeit — Foto: Mikhail Nilov

Moderne, hermetisch gedämmte und so Energie sparend gebaute Häuser bieten Insekten keine zufälligen Löcher und Spalten, in denen sie wohnen und überleben könnten. Auch vertragen Insekten die oftmals chemisch behandelten Baustoffe nicht gut. Es gibt noch einen anderen Faktor, weshalb alte Baumaterialien den Insekten helfen. Sie zeichnet eine gewisse Weichheit aus. In Lehm und Kalkstoffen, auch alten Holzbalken und Dachfirsten können Insekten gut Gänge für ihre Eiablagen beißen und bauen.

Zwergfledermaus hängt an einem Fensterbeschlag
Zwergfledermaus — Foto: Maximilian Ruther

Durch die Dachritzen meines Hauses schlüpfen nicht nur Insekten, sondern auch Fledermäuse, z. B. der Große Abendsegler und Zwergfledermäuse. Manchmal hört man ihre kleinen Füßchen nachts leise rascheln, wenn sie von den Dämmerungsjagdflügen zurückkehren und in ihre Schlafplätze kriechen. Mäuse ohne Flügel bewohnen den Dachboden auch. Ich habe mich immer gefragt, wie sie in den Dachfirst gelangen, ohne die Treppe zu nehmen. Irgendwann habe ich dann, ich weiß nicht mehr wo, gelesen, dass Mäuse Wände senkrecht hochklettern können. Die Superakrobaten schlagen dafür ihre winzigen Krallen in die Maueroberfläche wie ein Kletterer sein Steigeisen an einem Felshang. Die uneben gebrannte, raue Struktur der alten Ziegel hilft den Nagetieren, ungeahnte Höhen bis hinauf auf mein Dach zu erklimmen.

Die Mäuse mit und ohne Flügel im Haus locken wiederum hungrige Steinmarder und Mauswiesel an. Das Mauswiesel gräbt seine Baulöcher vor der Haustür in den Erdboden, wo auch die Zauneidechse ihr Versteck unter Laub findet – und wo, glaube ich, jeden Abend die Mäuse auf ihrem Weg zum Dachboden entlangmarschieren.

Der Steinmarder ging anfänglich immer unter die Motorhaube meines Autos. Ich nehme an, weil es dort schön warm ist und in der Nähe leckere Beute für ihn saß. Im Winter tauchen manchmal Wanderratten auf. Sie kommen in der kargen Zeit nachts vom See hoch zur Wohnsiedlung auf der Suche nach Futter. Das alles bemerkte ich erst, als mein Wagen mitten auf der Straße liegenblieb. Überall zerbissene Kabel am Motor. Mein Automechaniker hat dann ein Ultraschallgerät unter die Haube gebaut. Das hat geholfen. Seitdem kommen weder Ratten noch der gewiefte Steinmarder mehr in meine Garage.

Stattdessen steigt der freche Kletterer jetzt manchmal, vermutlich über das Dach eines angrenzenden Stalls springend, auf meinen Dachboden. Das laute Gepolter des kleinen Einbrechers weckt nicht nur mich, sondern auch die schlafenden Hunde auf. Ihr empörtes Gebell schlägt ihn dann schnell wieder in die Flucht. Steinmarder können eine echte Verwüstung hinterlassen, weswegen mir lieber ist, wenn er seine Schlafstätte außerhalb meines Hauses sucht. Man nennt Steinmarder nicht ohne Grund auch Dach- oder Automarder.

Steinmarder auf einem Holzbalken vor einer Ziegelwand
Steinmarder — Foto: Mario Massone, CC BY 2.0 DE

Alte Gebäude und Ställe bieten also nicht nur Spinnen, sondern auch vielen anderen Tierarten Unterschlupf. Im Holzschuppen meiner Nachbarin überwintert zum Beispiel manchmal ein Siebenschläfer. Er macht seinem Namen alle Ehre, denn er verbringt die Herbst- und Wintermonate und dazu fast die Hälfte des Frühlings schlafend. Dafür baut er sich ein Nest zwischen den aufgestapelten Ofenscheiten und kuschelt sich darin ein. Ohne gemütlich warmen Schuppen graben sich Bilche, zu denen der Siebenschläfer gehört, ihre Schlaflöcher direkt in die Erde.

Seine Körpertemperatur kann der Siebenschläfer auf bis zu 5 Grad Celsius senken. Zum Vergleich: Normalerweise liegt seine Körpertemperatur bei 35 Grad Celsius. Indem er sie herunterfährt, spart er Energie, und sein Körper kann ohne zu fressen und zu trinken monatelang überleben.

Siebenschläfer schaut aus einer Mauerritze
Ein Siebenschläfer ist aufgewacht — Foto: Julien 31, CC BY-SA 3.0

Kein anderes Wildtier in Europa hält so lange Winterschlaf wie ein Siebenschläfer. Er wacht nur zweimal während der „sieben“ Monate kurz auf. Dadurch erinnert er seine Körperzellen daran, dass sie nicht sterben dürfen und noch bis Mai mit der niedrigen Körperwärme auskommen müssen, was sie dann auch verlässlich tun. So ein Winterschlaf ist wirklich ein Wunder, finde ich. Ohne all die erstaunlichen Tiere, ihre Laute, Gerüche und die Spuren, die sie hinterlassen, wäre mir echt todlangweilig hier auf dem Land. Nicht nur in den Gebäuden, auch im Garten ist mit ihnen zum Glück immer herrlich viel los. Aber davon erzähle ich dir ein anderes Mal.

Alte Ziegelscheune mit Reetdach und Holztor
Foto: Eline Spee

NABU Hamburg: Gebäudebrüter