Als ich vor ein paar Jahren mit einem guten Kollegen im Schnitt arbeitete, sprachen wir kurz über seine vorherige Produktion: Es war ein Dokumentarfilm über Hyänen, Tüpfelhyänen genauer gesagt. Der Kommentar meines Cutters, der wirklich schon sehr viele freilebende Raubtiere während seiner Arbeit am Bildschirm gesehen hat, war: „Ganz üble Genossen. Dagegen sind Löwen harmlos.“ Was er damit ansprach, war das Jagdverhalten der Tüpfelhyänen.

Entgegen einem unter uns verbreiteten Glauben, alle Hyänen fressen ausschließlich Aas, erlegen Tüpfelhyänen ihre Nahrung überwiegend durch lange Hetzjagden. Die so erschöpften Zebras, Gnus und Antilopen töten sie nicht durch einen gezielten Biss in deren Kehle, um sie vor weiteren Schmerzen zu bewahren, sondern beginnen sie noch lebend zu fressen. Das tun sie, um keine Zeit zu verlieren und zu riskieren, dass andere Raubtiere ihnen die Beute streitig machen. Aber wenn man so ein Verhalten täglich viele Wochen lang am Monitor anschaut und filmisch schneidet, kannst du dir sicher vorstellen, dass man das so schnell nicht wieder vergisst.

Erdwolf mit gesträubter Rückenmähne im Gras
Ein Erdwolf – die kleinste auf der Erde lebende Hyäne — Foto: Eric Kamoga

Auf der Erde unterscheiden wir vier Arten der Hyänen und alle leben in Afrika: die Streifenhyäne, deren Verbreitungsgebiet von Afrika bis in den Nahen Osten reicht, den Erdwolf, die Schabrackenhyäne, die auch Strandwolf genannt wird, und die bereits erwähnte Tüpfelhyäne. Sie ist am weitesten in Afrika verbreitet und lässt sich gut in der Serengeti beobachten. Hier leben auch Streifenhyänen und Erdwölfe. Der Erdwolf ist die kleinste der vier Hyänenarten. Er frisst fast ausschließlich Termiten. Im Krüger-Nationalpark in Südafrika kann man neben Tüpfelhyänen auch die Strandwölfe beobachten. Wie die Streifenhyänen leben sie fast ausschließlich von Aas und sind sehr selten geworden.

Streifenhyäne – YouTube

Strandwölfe – Deutsche Welle

Erdwölfe – YouTube

Streifenhyäne mit gesträubtem Rückenfell auf einer Wiese
Eine Streifenhyäne — Foto: Ramkrishan Ratore

Ihrem Anarcho-Image machen die Hyänen wirklich alle Ehre. Mit ihren langen Vorderbeinen und dem abfallenden Rücken, ihrem wuchtigen Schädel und dem großen Gebiss, aber auch durch ihr abstehendes Fell sehen sie ziemlich verrucht aus. Dazu die Stimme der Tüpfelhyänen – das schrille, keckernde „Lachen“ scheint nicht nur Menschen, sondern auch anderen Tieren durch Mark und Bein zu gehen. Und damit nicht genug: Über ihre Opfer fällt diese Hyänenart grundsätzlich im Rudel her. Mit den nervtötenden Rufen versetzen Tüpfelhyänen andere Raubtiere in Alarmbereitschaft und klauen ihnen auch gerne mal die hart erkämpfte Beute. Das machen sie sogar bei ihren kleineren Hyänenverwandten.

Hier kannst du einen Hyänenmob bei so einem Kadaverklau beobachten:

Hyänen stehlen Beute – YouTube

Nicht immer haben sie mit diesem Verhalten Erfolg. Mächtige Löwenmänner lassen sich so etwas nicht gefallen:

Achtung! Nicht für schwache Nerven. Altersempfehlung nicht unter 12 Jahren.

Löwen gegen Hyänen – YouTube

Auch wenn es sich für uns so anhört, Hyänen lachen gar nicht. Ihre Laute äußern sie, wenn sie aufgeregt sind. Die Lauthöhe und -frequenz, die eine Hyäne anschlägt, sagen auch etwas über ihren sozialen Rang, denken Wissenschaftler. Die Gehirnleistungen der Tüpfelhyänen entsprächen zudem denen von Primaten und sie gelten als äußerst intelligent.

Aus biologischer Sicht sind Hyänen in vielfacher Hinsicht Regelbrecher. So stehen die Tüpfelhyänen-Frauen in der Rangordnung ihrer Clans über männlichen Individuen. Grund: Die Damen sind gewöhnlich größer und aggressiver. Nicht nur das: Weibliche Hyänen sind sogar körperlich vermännlicht. Sie besitzen einen Pseudopenis und einen unechten Hodensack. Das gegenseitige Beschnuppern ihrer erigierten Penisse gehört zum guten Ton und fest zu einer Hyänen-Begrüßung dazu.

Die Hyänen gebären ebenfalls durch dieses enge Organ. Das ist mit hohen Risiken verbunden. Bei ihrer ersten Geburt muss ihr Pseudo-Penis aufreißen, damit die Kinder nicht stecken bleiben und ersticken. Das passiert jedoch nicht immer verlässlich. Über die Hälfte der Kinder stirbt noch im Geburtskanal. An dem überlebenswichtigen Aufriss des Penis-Schlauchs wiederum verbluten geschätzte 10–20 % der Weibchen. Ein regelrechtes Schlachtfeld, so eine Tüpfelhyänen-Geburt. Bei den die Strapaze überlebenden Weibchen verheilt der Pseudopenis und ist danach etwas elastischer. Dadurch sinkt das Sterberisiko für Weibchen und Welpen bei späteren Geburten.

Hyänenkinder haben vom ersten Tag an ihre Augen geöffnet und ein volles Gebiss. Wenn sie den Überlebenskampf im Geburtskanal überstanden und das Licht der Welt erblickt haben, ordnen sich die Töchter in der Clan-Hierarchie direkt hinter ihrer Mutter ein. Das führt dazu, dass selbst Jungtiere ältere Mitglieder dominieren können. Vergleichbar mit den Nachfahren von Herrscherfamilien in Diktaturen oder Monarchien bei uns Menschen bestimmt ihr familiäres Netzwerk die soziale Machtposition; also, wann eine Tüpfelhyäne an der Beute fressen und mit wem sie sich verpaaren darf.

Tüpfelhyänenmutter und Jungtier begrüßen sich Schnauze an Schnauze
Eine Tüpfelhyänenmutter mit Kind — Foto: Lorenzo Boldorini

Nach ihrer Geschlechtsreife müssen die jungen Männchen das Rudel verlassen. Die Weibchen verweigern ihnen den Sex und halten so ihren Clan gesund. Wenn sich die jungen Hyänenmänner einer neuen Gruppe anschließen, stehen sie in der Rangordnung ganz unten. Erst mit Verschwinden höherstehender Tiere, meist durch deren Tod, rücken sie nach und nach auf. Je treuer und vielzähliger die Clanmitglieder, umso stärker ist die Stellung einer Tüpfelhyänen-Königin. Durch die Größe ihrer Clans signalisiert sie den Alpha-Weibchen der anderen Hyänen-Clans ihre Dominanz. Der größte bislang beobachtete Tüpfelhyänenclan umfasste einhundertdreißig Tiere.

Solche Gruppen besetzen ein großes Revier. Durch die Savanne streunen die Vandalen häufig in kleineren Untergruppen. Da sie dämmerungs- und nachtaktiv sind, schlafen und dösen Tüpfelhyänen tagsüber, z. B. in Büschen direkt auf dem Erdboden. Für ihre Babys nutzen sie Gemeinschaftsbauten mit Erdferkeln oder Stachelschweinen. Darin sind die Kleinen vor Feinden und heißer Sonne geschützt, wenn die Mütter auf Jagd gehen. Strandwölfe verhalten sich ähnlich. Bei den Erdwölfen schlafen auch erwachsene Tiere in Erdbauten und Streifenhyänen vorzugsweise in Felsspalten oder Höhlen oder auch ganz dichtem Gebüsch.

Hyänen stehen sich selbst nicht näher als andere Arten das auch tun. Ihr Verhalten hat sich über viele tausend Jahre durch Anpassungen an ihren Lebensraum entwickelt. Menschen, die diese Zusammenhänge nicht verstehen, denken häufig, sie verhielten sich gemein und skrupellos. Hyänen werden daher gerne von uns als Metapher für Unberechenbarkeit und verwerfliches Handeln verwendet. In westlichen, kulturellen Verständnissen, die ihren Ursprung überwiegend in der christlichen Bibel finden, nutzte man Hyänen sogar lange Zeit als Sinnbild für dämonische Kräfte, die den Menschen in Versuchung brächten, sich von seinem Glauben zu entfernen.

In den verlassenen Palästen heulen die Hyänen, in den Lustschlössern die Schakale. Babylons letzte Stunde hat geschlagen, seine Tage sind gezählt.Jesaja 13,1–14,23

Auch im Islam gelten Hyänen, wie die Streifenhyäne, als Verkörperung unsichtbarer Geistwesen, genauer gesagt der Dschinn. Das sind Wesen in Parallelwelten zu unserer. Vielleicht kennst du den Lampengeist in „Aladdin und die Wunderlampe“. Das ist zum Beispiel ein solcher Dschinn. Im Fall der die Körper der Hyänen besetzenden Geister sollen das hinterhältige, den Menschen nicht sonderlich gut gesonnene sein.

Nur in einigen afrikanischen Traditionen herrscht ein ganz anderer Glaube über die Tiere. Hier sieht man Hyänen als Beschützer gegen böse Geister. Im muslimisch geprägten Harar füttern Menschen, die in der Bevölkerung „Hyänen-Männer“ genannt werden, Tüpfelhyänen daher nachts mit Fleisch. Die Tiere sollen dadurch gut gestimmt werden, um das im Freien lebende Vieh nicht anzugreifen und die hinter Mauern liegende Stadt vor bösen Dschinns zu schützen. Schau dir das mal an:

Die Hyänen-Männer von Harar – YouTube

Dass man diese starken und wehrhaften Tiere gern als Freunde und Verbündete im Kampf gegen unsichtbare Feinde auf seiner Seite haben möchte, kann ich sehr gut nachvollziehen.

Nahaufnahme vom Gesicht einer Tüpfelhyäne
Eine Tüpfelhyäne — Foto: Elliot Connor